Wurst auf Marmeladenbrötchen

An einem Esstisch im deutschen Fulda sitzt ein Junge zusammen mit fünf anderen Personen: Eltern und deren drei Kinder. Der etwa 15-jährige Schüler passt so gar nicht in dieses Umfeld mit seinen länglichen Augen, der platten Nase und der gebräunten Gesichtshaut. Offensichtlich nicht ganz mühelos halbiert er ein Brötchen und beschmiert eine Hälfte mit Marmelade. Seine Gastgeber betrachten verwundert, wie er sein Mahl mit einer Wurstscheibe bedeckt und genüsslich zubeißt. Unter lautem Schmatzen verzehrt er das Brötchen und bekommt die zurückhaltend grinsenden Gesichter der fünf Deutschen gar nicht mit.

So in etwa kann man sich eine typische Szene am Abendbrottisch der vergangenen Woche in meinem Hause vorstellen. Der asiatisch aussehende 15jährige Schüler kommt aus dem entfernten Hangzhou, China (~nahe Shanghai). Im Zuge eines Schüleraustauschs war er für sieben Tage Gast in unserem Hause. (Ausgleichend werden wir an Ostern des nächsten Jahres den Rückbesuch antreten.) Kulturelle Unterschiede und die mangelbehaftete Verständigung (ausschließlich in Englisch) hielten unseren aufgeweckten Gast nicht davon ab, die sieben Tage Deutschland hervorragend zu genießen - ganz im Gegenteil: Dank der hier herschenden Vorferienstimmung war er großenteils von langweiligem Schulunterricht befreit. Eine wahrer Traum für jemanden, der 45 Wochen im Jahr Montag bis Sonntag von 7.20 bis 17.30 Uhr in der Schule verbringt! Dazu kommen die gewöhnlich anfallenden Hausaufgaben, die dem chinesischen Eliteschüler auch die letzte Sekunde Freizeit nehmen. Die Elite in China ist ganz einfach der Teil der Familien, der sich eines hohen Gehalts rühmen kann und somit genug Geld aufzubringen vermag, um die Kinder in teure Schulen mit längeren Unterrichtszeiten schicken zu können.

Heute reiste unser Gast eher wider seines Willens ab - völlig begeistert jedoch war er von deutschen Sitten und natürlich von den blauen Augen, den blonden Haaren und der langen Nase vieler Europäer. Ihm steht aber nicht direkt die Heimreise bevor: Die chinesische Schülergruppe aus 33 Personen wird erstmal eine Woche Mitteleuropa-Tour absolvieren. Das umfangreiche Programm ermöglichte eine Begegnung der beiden Kulturen auf vielen verschiedenen Ebenen - vom Bowlingspielen bis zum Schulunterricht. Aus Platzgründen bzw. um mich kurz zu fassen, gehe ich an dieser Stelle nicht näher darauf ein, sondern gebe einen Überblick in einer kleinen Bildergalerie (leider nicht mehr erreichbar).

7. Juli 2007 - Tags: Exkurs Gesellschaft