Meister der Depression: Kafka
Kaum schlägt das Wetter ein wenig um, will auch mein Körper nicht mehr so, wie ich will. Ich bin erkältet. Eingehüllt in eine dicke Wolljacke verbringe ich die Zeit in der warmen Stube am Klavier oder lesend im Bett. Als Lektüre hielt soeben eine bekannte Erzählung Franz Kafkas her. Zwei meiner Freunde bearbeiten diese gerade in der Schule und das machte mich neugierig auf den Text.
Im Mittelpunkt der gleichnamigen Erzählung steht die unerwartete Verwandlung der Hauptperson Gregor Samsas in ein Ungeziefer und die Reaktion seiner Mitbewohner auf dieses ungewöhnliche Ereignis. Franz Kafka beschreibt aus der personalen Erzählperspektive die Erlebnisse Gregors. Den anfänglichen Unwillen, die Veränderung zu akzeptieren, den folgenden sozialen Ausschluss und den ohnmächtigen Tod unter den hasserfüllten Blicken der eigenen Familie erlebt der Leser direkt als sei er selbst unfreiwillig in die bemitleidenswerte und völlig hilflose Rolle der Hauptperson geschlüpft.
Man folgt dem Verlauf der Geschichte und sträubt sich immer wieder vor der unglaublichen Handlung, bis das Ende schließlich gekommen ist und das Buch mit einem glasigen Blick zur Seite gelegt wird - ein klarer Stimmungsbrecher: "Die Verwandlung".
Nichts anderes kennen wir von Franz Kafka. Er versteht es, jedem Optimisten eine zumindest nachdenkliche Miene aufs Gesicht zu drücken. Und man kann ihm trotzdem keinen Vorwurf machen. Schließlich kannte der arme Mann keinen anderen Weg, mit seinen Gefühlen umzugehen. Guten Willens wollte er die meisten seiner persönlicheren Werke auch nie an die Öffentlichkeit dringen lassen und beauftragte Max Brod mit der Verbrennung der Manuskripte. Der also war schlussendlich der Übeltäter, der das frustrierende Gedankengut auf seinen Weg zu so vielen nichtsahnenden Lesern brachte. Er ruhe in Frieden!