Die Rolle der Pinnwand im Facebook-Klassenzimmer

Facebook ist inzwischen ein Selbstläufer. Aus heutiger Sicht Gründe für den Erfolg zu suchen mündet oft in ziemlich haltlosen Spekulationen: Facebooks Erfolg wird ja in Zukunft schon alleine dadurch garantiert, dass kein anderes Netzwerk so viele Menschen dazu bringen konnte, sich selbst ernsthaft die Frage zu stellen: "Brauche ich überhaupt sowas wie Privatsphäre?"

Seit ich Facebook bzw. die deutschen Kopien SchuelerVZ und StudiVZ kenne, gibt es dort die so genannte "Pinnwand" oder englisch "Wall". Und immer wieder habe ich seitdem darüber philosophiert, welche Rolle dieser Pinnwand eigentlich genau zukommt. Ist sie vielleicht Facebooks heimlicher Schlüssel zum Erfolg?

Es ist bemerkenswert, dass das soziale Netzwerk des Internetriesen Google ("Google Plus"), das bis heute bei weitem nicht an die Beliebtheit von Facebook herankommt, eben an dieser Stelle ein "Minus" aufweist. Im Twitter-Stil lässt sich bei Google Plus zwar die eigene Privatsphäre in den Wind schießen (d.h. in den eigenen "Stream" schreiben). Eine Pinnwand ist dieser Stream dennoch nicht: Es fehlt die Möglichkeit, einem Freund bzw. einer Freundin auf die Pinnwand (bzw. in den Stream) zu schreiben und ihn dadurch in die Verlegenheit zu bringen, ein eigentlich privates Gespräche in der Öffentlichkeit fortzuführen.

In dieser Funktion der Pinnwand sehe ich einen Charakterzug der "Facebook-Generation" besonders deutlich repräsentiert: Viele Menschen in meinem Bekanntenkreis schreiben ungern Emails. Der Kontakt über Facebook fällt ihnen offenbar leichter. Nun habe ich aber inzwischen auch den Eindruck gewonnen, dass für manche Menschen selbst Facebook-Nachrichten zu intim sind. Viel bereitwilliger scheint manch einer die Pinnwand eines Freundes zu bekritzeln.

Die so übermittelten Nachrichten können ganz unterschiedlicher Art sein. Am naheliegendsten sind natürlich Kommentare, für die sich auch andere interessieren und die ein Gespräch entfachen könnten. War Alice gestern auf einer Party und hat dort gesehen, wie Bob etwas Peinliches passiert ist, wird sie ihm dazu vielleicht einen Kommentar auf die Pinnwand schreiben, etwa: "Was hat denn eigentlich der Bärtige zu dir gesagt, der plötzlich da war und dich mitgenommen hat, als du ihm deinen Joint angeboten hast? Achnee, das war ja deine Mutter." Das garantiert einige Lacher und zustimmende Kommentare anderer Freunde, die ebenfalls auf der Party waren oder Bob einfach so kennen. Wenn Bob selbst auch darüber lachen kann, ist das eine ganz sinnvolle Art, diese Funktion der Pinnwand zu verwenden. Das kennt man ja noch von früher aus der Schule, wo Alice in der kleinen Pause quer durch die Klasse rief: "Hey Bob, was war das denn gestern für eine Aktion? Wohl mal wieder einen zu viel gehoben, wa?" Jetzt steht's halt auf Bob's Pinnwand. Facebook: der Klassenraum für wenn die Schule vorbei ist. Aber mal ehrlich: Könnte Alice so eine Bemerkung nicht mit dem gleichen Effekt auf ihre eigene Pinnwand heften, indem sie in der Bemerkung ein "@Bob" einfügt?

Tatsächlich ist das natürlich nicht der wichtigste Verwendungszweck für die Pinnwand. Viel häufiger sieht man beispielsweise Glückwünsche: zum Geburtstag, zu bestandenen Prüfungen oder zum Jahresbeschluss. Eigentlich eine soziale Einrichtung. Damit ermuntert man gleichzeitig andere, in die Glückwünsche einzustimmen. Und eigentlich kennt man ja auch das schon aus dem typischen Klassenraum: Wenn Bob Geburtstag hat, gratulieren ihm plötzlich auch alle Klassenkameraden ganz herzlich, mit denen er eigentlich nicht besonders viel zu tun hat, weil sie mitbekommen haben, wie Alice ihm gratuliert hat.

Ganz besonders schwierig wird die Analysearbeit dann aber bei der letzten und am Ende doch vielleicht häufigsten Art des Eintrags auf fremden Pinnwänden. Nachrichten, die eigentlich wirklich niemanden außer Sender und Empfänger etwas angehen und die auch im Grunde niemanden außer Sender und Empfänger interessieren.

Bob: Hey Alice, lange nichts gehört, wie geht's dir denn so? Wollen wir uns nicht mal wieder treffen? Hab auch gerade alte Bilder von uns aus der siebten Klasse angesehen. Das waren noch Zeiten!

Was hat das denn auf der Pinnwand von Alice verloren? Hat Bob etwa einfach auf den falschen Knopf gedrückt? Bei den ganzen Eingabefeldern und Knöpfen auf Facebook weiß man ja schon lange nicht mehr, zu welchem Preis und wem (außer Facebook selbst) man gerade seine Seele verkauft. Vielleicht wollte sich Bob auch einfach einen Klick sparen: Er war gerade sowieso auf Alices Seite und als er sah, dass sie Single ist, hat ihn eine plötzliche, unerklärliche Motivation gepackt, ihr zu schreiben. Da auf Alices Seite nun mal ein Eingabefeld so verführerisch dazu einlädt, ihr "etwas" zu schreiben, hat er dieses eben benutzt, anstatt seine hormonellen Energien daran zu erschöpfen, zunächst mal den unscheinbaren grauen "Nachricht" Knopf in der oberen rechten Ecke zu suchen und anzuklicken.

Beziehen wir diesen letzten Fall auf unsere Klassenraumsituation: Alice sitzt gerade gedankenversunken auf ihrem Platz ganz hinten rechts, neben sich hat sie ein Schild aufgestellt - mit der Nachricht, dass sie gerade Single geworden ist. Bob in der zweiten Reihe, der gerade aus einem tiefen Geschichtsstundennickerchen erwacht ist, wirft verschlafen einen Blick durch den Klassenraum und stößt dabei auf das Schild von Alice. Seine plötzlichen hormonellen Triebe kann er nicht mehr stoppen und schreit quer durch den Raum: "Ach Alice! Lust, heute Abend mit mir ins Kino zu gehen?"

Ja, Sie haben es erraten. Hier stimmt etwas nicht: Natürlich kann Bob unter realistischen Facebook-Umständen auf keinen Fall schlafen, noch kann Alice in Gedanken versunken sein. Gleichzeitig schreit Carl vorne links nämlich seinem Banknachbarn Daniel die Frage zu, was jetzt eigentlich aus dem Mallorca-Urlaub wird. Nebenan brüllt Eva der am anderen Ende der Klasse sitzenden Frederike zu, es sei gestern "voll schön" gewesen, mal wieder mit ihr zu reden, worauf Frederika laut schmatzende Küsschen durch die Klasse zurückschickt und Schilder mit Herzsymbolen in die Luft streckt.

Es ergibt eine verblüffend akurate Analogie zu Facebook, wenn man sich sämtliche Facebook-Benutzer gemeinsam in einem Klassenraum vorstellt (befreundete Nutzer sitzen näher beieinander). Jeder schreit nach Leibeskräften auf die Pinnwand des anderen und natürlich auf seine eigene. Bei dieser Lautstärke wieder still und heimlich Zettelchen in Form der eigentlichen Facebook-Nachrichten auszutauschen erscheint den meisten begreiflicherweise lächerlich. Ich gebe aber offen zu, dass ich das Geschrei der fast achthundert Millionen Nutzer manchmal ein bisschen anstrengend finde [1]. Und die "Timeline", mit der Facebook demnächst alle Nutzer beglücken wird [2], hat wenig Potenzial, etwas an diesen Zuständen zu ändern.

  1. youtube.com/watch?v=8UouP8cRYZ8
  2. blog.facebook.com/b...ost=10150408488962131
12. März 2012, 23:06 Uhr - Tags: Internet Meinungen Gesellschaft Unsinn Witziges