3 Stunden Lesestoff - aber nicht schlecht

Für den Deutschunterricht muss ich über die Ferien "Sansibar oder der letzte Grund" lesen. Dieses 150 Seiten dünne Buch von Alfred Andersch habe ich im Verlauf des gestrigen Nachmittages durchgelesen. Bei dem zwar etwas windigen, aber doch duchweg schönen Wetter machte ich mich gegen 16 Uhr auf in die Stadt, wo ich das Buch bis kurz nach 19 Uhr auch schon durchgelesen hatte. Wie immer bei meinen Meinungsbekundungen schreibe ich keine Inhaltsangabe, sondern verweise nur auf die mal wieder vorbildlich gestaltete Wikipedia-Seite zum Thema.

Der Autor konstruiert durch den häufigen Wechsel der Perspektive einen sehr interessanten Aufbau der Geschichte. So wird die Sichtweise jeder der 5 Personen im Bezug auf das Verlassen des Landes anschaulich geschildert. Nicht nur durch den kursiven Schreibstil wird deutlich, dass die Perspektive des Jungen dabei eine ganz besondere Rolle spielt. Er repräsentiert nämlich jenen im Titel angesprochenen letzten Grund, der darin besteht, das Land aufgrund von (durch aufregende Jugendliteratur geprägter) Abenteuerlust zu verlassen. Und dieser Grund reicht letztlich auch nicht aus, ihn zum endgültigen Verlassen seiner Heimat zu bewegen, als er die Möglichkeit dazu hat - schließlich hat auch er sich zu einem der verachteten "Erwachsenen" entwickelt!

Desweiteren ist da das Bildnis des lesenden Klosterschülers: ein potentielles Opfer der "Anderen", der vor seinem Schicksal gerettet werden soll. Die übrigen vier (der Junge nicht) sehen in ihm einen Gefährten auf ihrer Flucht. Schließlich verlassen nur die Jüdin Judith, die Plastik des Lesenden und vermutlich der Kommunist Gregor, der sich jedoch von seiner Partei abgewendet hat, Deutschland. In gewisser Weise flieht auch der Pfarrer Helander vor seinem Schicksal unter den "Anderen", indem er sich in einer tragischen Kamikaze-Aktion selbst umbringt. Als mehr oder weniger überflüssiges i-Tüpfelchen bringt der Autor auch noch eine kleine Liebesgeschichte zwischen dem KPD-Funktionär Gregor und der Jüdin Judith mit ins Spiel, die jedoch ein unspektakuläres Ende findet.

Die beschriebenen Aspekte der Geschichte machen sie zu einer spannenden und durchaus bewegenden Lektüre, dass man - mein Beispiel macht es deutlich - in einem Zug lesen kann, ohne dabei einzuschlafen, wie es manchmal bei Schullektüre der Fall ist 😉 Wie schon erwähnt handelt es sich um ein eher dünnes Buch, dass in drei Stunden gelesen ist. Und gerade deswegen denke ich, dass sich bestimmt keiner ein Bein bricht, wenn er sich diesen doch im Großen und Ganzen gelungenen Roman zu Gemüte führt.

31. März 2007 - Tags: Literatur