Das Konzept eines Ökoministeriums

Zur Adressierung des in einem früheren Artikel beschriebenen Konflikts zwischen den Aufgabengebieten von Umwelt- und Wirtschaftsministerium schlage ich in diesem Artikel die Einrichtung eines Ökoministeriums vor. Zentral ist dabei eine Neukonzeption des Begriffs Öko bzw. Ökosystem. Unter anderem wird System nicht im Sinne von abgeschlossenes System begriffen. Ökosysteme sollen ineinander eingebettet und in ständiger Wechselwirkung mit der Außenwelt gedacht werden.

Was ich unter Ökosystem verstehe

Als Ökosystem bezeichne ich hier ein Ensemble von stofflichen und nichtstofflichen, belebten und unbelebten Variablen (Akteuren, Objekten, abstrakten Eigenschaften, numerischen Größen, ...), die sich in besonderem Maße gegenseitig beeinflussen. Dabei wird weder gefordert, dass keine Variablen außerhalb des Ökosystems existieren, noch, dass das Ökosystem unabhängig von solchen Variablen ist. Die Zusammenfassung von Variablen zu einem Ökosystem ist also insofern ein unvollständig beschreibender Vorgang, als Interaktionen mit der Außenwelt nicht beschrieben, aber trotzdem nicht ausgeschlossen werden (also keine punktförmige Kuh im Vakuum).

Liegt der Interaktion von Variablen innerhalb eines Ökosystems eine Gesetzmäßigkeit zugrunde, spreche ich von der Ökonomie dieses Ökosystems. Ökologie meint die Untersuchung und Beschreibung eines Ökosystems hinsichtlich seiner Ökonomie.

Alltagssprachlich würde man bei dem Begriff Ökosystem an die Gesamtheit von Lebewesen und natürlichen Ressourcen in einem geografisch begrenzten Raum (Biotop) denken. Als Ökosystem kann aber auch das Ensemble von Gewässern und Schichten der Erdatmosphäre bezeichnet werden, die über die Erwärmung und Abkühlung (bzw. Verdampfen und Kondensieren) von Wasser wechselwirken; oder mikrobiologische Ensembles wie der Metabolismus eines komplexen Organismus - etwa der Stoffwechsel eines Menschen mit den verschiedenen (Verdauungs-)Organen.

Für uns an dieser Stelle besonders interessante Ökosysteme sind Wirtschaftssysteme: eine geeignet abgegrenzte Menge menschlicher Akteure mitsamt materieller und nichtmaterieller Produktionsmittel und Produkte, die über die Produktion, den Besitz und den Austausch von Produkten in Beziehung stehen. Die Ökonomie eines solchen Wirtschaftssystems wird landläufig als Wirtschaft oder Wirtschaftsordnung bezeichnet. Denkbare Ökonomien sind hier Planwirtschaft, freie oder soziale Marktwirtschaft. Die Dynamik eines Wirtschaftssystem ist offensichtlich nicht unabhängig von äußeren Variablen wie (nicht-)staatlichen Institutionen, Tieren, Rohstoffvorkommen oder dem Klima. Die Ökologien von Wirtschaftssystemen sind die Wirtschaftswissenschaften.

Internalisierung externer Variablen

Die Abgrenzung eines Ökosystems gegenüber der Außenwelt bestimmt den Fokus der Betrachtung, der also insbesondere Beziehungen ökosystemeigener Variablen mit der Außenwelt unbeschrieben lässt. Als Wirtschaftssystem wird etwa primär die Verteilung menschlicher Erzeugnisse unter Menschen verstanden. Dabei gibt es aber wichtige Interaktionen mit anderen belebten und nichtbelebten Ökosystemen. Nicht nur die Paradigmen bei der Gestaltung von Wirtschaft, sondern auch der Begriff Wirtschaft selbst muss neu gedacht werden.Deswegen wird in jüngster Zeit immer wieder über die Internalisierung externer Effekte gesprochen. Damit ist gemeint, bei der Gestaltung der Wirtschaftsordnung Auswirkungen auf Variablen außerhalb des Wirtschaftssystems zu berücksichtigen.

Denkbar wäre stattdessen aber auch die Internalisierung externer Variablen, indem die Abgrenzung des Wirtschaftssystems und damit der Begriff an sich (nicht nur die Paradigmen der zugehörigen Ökonomie) hinterfragt wird. Was verteilt wird, könnte beispielsweise ausgeweitet werden auf nichtmenschliche Erzeugnisse, etwa Ressourcen. An wen verteilt wird, könnte ausgeweitet werden auf nichtmenschliche belebte und unbelebter Variablen (etwa Tiere oder das Klima). Während die klassische Ökonomie eines Wirtschaftssystems als gesetzt und allein menschlicher Willkür folgend wahrgenommen wird, müsste die Ökonomie eines so erweiterten Wirtschaftssystems paradigmatisch nichtmenschliche Akteure und Einflussgrößen berücksichtigen.

Ökosysteme koexistieren nämlich. Das heißt nicht nur, dass miteinander in Austausch stehende Gesellschaften in der Regel unterschiedliche Wirtschaftssysteme haben, sondern auch, dass Wirtschaftssysteme auch mit nichtwirtschaftlichen Ökosystemen interagieren. (Ökosysteme können natürlich auch ineinander eingebettet sein usw.)

Einrichtung eines Ökoministeriums

Anstatt nun darüber zu streiten, ob eher die Internalisierung externer Effekte oder externer Variablen den notwendigen Paradigmenwechsel ausmachen würde, könnten wir institutionelle Rahmenbedingungen so ändern, dass der Wandelbarkeit und Vielschichtigkeit des Ökosystembegriffs Rechnung getragen werden kann.

Denkbar wäre etwa die Einrichtung eines Ökoministeriums, das nichtmenschliche Ökosysteme zwar weiterhin nur in sehr begrenztem Maße regieren kann, aber doch zumindest bei der Regierung menschlicher Ökosysteme in ganz anderem Maße berücksichtigen könnte und müsste.

Damit wäre dem Problem Rechnung getragen, dass das Umweltministerium sein eigentliches Ressort, nämlich nichtmenschliche Ökosysteme, mit seinen menschlichen Handlungsspielräumen nur in sehr begrenztem Maße überhaupt "regieren" kann. Sowohl das Wirtschaftsministerium als auch das heutige Umweltministerium würden dann vielmehr eine Art Interessenvertretung oder Task Force innerhalb des Ökoministeriums. Außerdem bestünde die Chance, all die externen Variablen, die eine Wirtschaftsordnung tatsächlich beeinflusst, bei der Gestaltung einer Wirtschaftsordnung endlich auf Augenhöhe mit im engeren Sinne wirtschaftlichen Interessen zu denken.

Weitergehende Überlegungen

Die Abgrenzung des Aufgabenbereichs eines Ökoministeriums von einem Familienministerium (Ökosystem Familie) oder einem Außenministerium (externe menschliche Ökosysteme) müsste diskutiert werden. Außerdem müsste die Einrichtung eines Ökoministeriums nicht zwangsweise die Abschaffung anderer Ministerien (wie Umwelt- und Wirtschaftsministerium) bedingen. Denkbar wäre, das Ökoministerium stattdessen als Vermittlungs- bzw. Schlichtungsstelle zwischen und Gutachter bzw. Reformator von Ministerien, die auf bestimmte Ökosysteme spezialisiert sind, einzurichten.

13. November 2016, 11:58 Uhr - Tags: Meinungen Gesellschaft