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14. April 2018, 16:31 Uhr0 Produkte Gesellschaft Meinungen Verbraucher
Konfliktmineralien in Elektronik: Hoffnungslos?

Rohstoffe in Elektronik, insbesondere "Konfliktmineralien" sind ein wahnsinnig kompliziertes Thema. Sie sind in aller Munde, sie sind überall drin: von der Taschenlampe über die Armbanduhr bis zum Autoradio - von Smartphone, Fernseher und Notebook ganz zu schweigen. Aber wer kann das überhaupt noch durchschauen? Wo genau ist eigentlich das Problem und was kann man dagegen tun, wo der Alltag doch ohne diese ganzen Geräte gar nicht mehr denkbar ist?

So genannte Konfliktmineralien werden für die verschiedensten Dinge eingesetzt - von Weichlot für die Platinen über Farbstoffe fürs Design bis hin zu Metalllegierungen mit Zusätzen für die verschiedensten Materialeigenschaften. Manchmal sind die Materialien unersetzlich, manchmal könnte man sie auch einfach weglassen oder Alternativen einsetzen und es gibt andere Gründe (z.B. Ästhetik oder Ignoranz bzw. Gleichgültigkeit), warum sie trotzdem verwendet werden.

Dabei geht es um Rohstoffe wie Gold, Zinn oder Lithium, die man kennt; es geht um Cobalt, Tantal und Wolfram, was man schonmal gehört hat; es geht aber nicht minder um Europium, Yttrium oder Samarium - also jene Positionen im Periodensystem, wo man sich schon im Chemie-Unterricht gefragt hat, ob sie nur in der Grundlagenforschung von Chemikern im Labor vorkommen oder ob sie mit unserem Alltag überhaupt irgendwas zu tun haben (ja, haben sie!).

Auf der anderen Seite sind nicht all diese Rohstoffe gleich "konfliktbehaftet". Sie werden in so unterschiedlichen Ländern wie Brasilien, Ruanda, Simbabwe, Myanmar, Dem. Rep. Kongo, China, Russland, Bolivien, Nordkorea, Spanien oder Indonesien gefördert - teilweise (indirekt) von internationalen Konzernen, teilweise von autoritären Regimen oder von autonomen Milizen.

Nicht immer sind die Produktionsbedingungen gleich schlecht. Manchmal sind sie schlecht, weil die Materialien einfach so schwierig zu verarbeiten sind. Manchmal sind sie schlecht, weil sich die Regionen, in denen gearbeitet wird, schlicht im Bürgerkrieg befinden. Manchmal sind es politische Konflikte, die unabhängig von diesen Rohstoffen geführt werden. Manchmal sind die Rohstoffvorkommen Bestandteil oder sogar Auslöser des Konflikts.

Manchmal wäre es aus politischen oder ökologischen Gründen gut, Menschen würden auf bestimmte dieser Materialien ganz verzichten. Manchmal würde so ein Boykott aber auch Regionen verarmen lassen, die von diesem Wirtschaftszweig abhängen. Manchmal auch beides. In manchen Fällen gibt es Hoffnung, dass bestimmte Fairtrade-Standards die Situation verbessern könnte. In anderen würde das Problem nur verlagert. Manche Materialien könnte man in Europa unter kontrollierten Arbeitsbedingungen abbauen, andere nicht.

Alle Informationen, die man im Einzelfall über ein bestimmtes Konfliktmaterial oder eine bestimmte Abbauregion hat, sind mit enormer Unsicherheit behaftet, da es verschiedenste Stakeholder in diesem Markt gibt. Es gibt Unternehmen und Regierungen, die die Regionen aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen unter Druck setzen wollen, indem sie die Situation schlechter darstellen, als sie ist. Journalisten übertreiben gerne in die eine oder andere Richtung, um eine gute Story zu produzieren. Es gibt Akteure, die aus der Instabilität Profit schlagen und deshalb verharmlosen. Und dann gibt es Dritte, die solche Akteure gegeneinander ausspielen, um ihrerseits politischen oder wirtschaftlichen Nutzen daraus zu schlagen.

Das besondere an Unternehmen wie Fairphone oder Nager IT ist, dass sie sich diesen Debatten stellen. Sie sprechen Probleme offen an und kommunizieren, wo sie Kompromisse eingehen und wo sie schon klare Verbesserungen verzeichnen können. Natürlich tun sie das nicht immer maximal effizient, transparent und unfehlbar und es ist zu erwarten, dass sie Sachverhalte im Zweifelsfall im Sinne ihrer eigenen wirtschaftliche Situation aus- und darlegen werden.

Trotz aller Unwägbarkeiten kann man schließlich doch wenigstens so viel sagen: Es wäre fatal, aus dieser Widersprüchlichkeit, aus der Unsicherheit und Intransparenz der Informationslage zu schlussfolgern, dass man einfach so weitermacht wie bisher. Es wäre naiv, sich darauf zu verlassen, dass existierende Institutionen und Strukturen in der Lage sind, die Probleme allmählich aus der Welt zu schaffen, wenn man nur lange genug wartet. Und ausgesprochen peinlich wäre es doch schließlich, dieses Konfliktfeld aufgrund einer unterstellten Aussichts- und Machtlosigkeit der eigenen Gleichgültigkeit und Ignoranz zu überlassen.