tovotu

1. März 2011, 15:29 Uhr
Workload und Klausuren im Mathematikstudium

Nachdem ich das erste Semester des Mathematikstudiums an der Universität Bonn nun hinter mir habe, ist es an der Zeit für einen kurzen Rückblick. Gleichzeitig mit mir begannen im vergangenen Wintersemester einige Bekannte ein Studium in unterschiedlichen Fächern und Hochschulen. Es bietet sich also hier und dort ein Vergleich an.

Immer wieder werde ich gefragt, ob das Mathematikstudium eine große Belastung darstellt. Obwohl Mathematik alles andere als beliebt ist und zumeist nicht mal ihr wahrer Nutzen erkannt wird, hat sie doch den Ruf eines ausgesprochen anspruchsvollen Faches. Es scheint daher überraschend, dass beim Studium der Medizin, verschiedener Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Wirtschaftswissenschaften weitaus mehr Module und Klausuren pro Semester anfallen: Nicht nur in Bonn hat ein Mathematikstudent im ersten Semester lediglich drei Module - Lineare Algebra, Analysis und Algorithmische Mathematik - und jeweils eine Klausur am Ende des Semesters. Praktika in der vorlesungsfreien Zeit gibt es in aller Regel nicht. In den allermeisten Veranstaltungen wird die Anwesenheit gar nicht überprüft.

Zunächst einmal sei zum so genannten "Workload" während des Semesters erwähnt, dass Mathestudenten für die genannten drei Module jeweils 9 Leistungspunkte erhalten und pro Modul und Woche entsprechend zwei Doppelstunden Vorlesungen und zusätzlich zwei bis vier Doppelstunden Übungen anfallen. Dabei bekommen Studenten jede Woche drei Übungsblätter, deren Lösung traditionell einige Zeit in Anspruch nimmt.

Mit 24 so genannten "Semesterwochenstunden" und insgesamt 27 Leistungspunkten fiel mein erstes Semester so mager also nicht aus. (Im Bachelorstudiengang mit 180 Leistungspunkten entfallen auf die üblichen sechs Semester rechnerisch jeweils 30 Leistungspunkte.) In anderen Studiengängen verteilen sich die Punkte innerhalb eines Semesters auf mehr Fächer, die entsprechend oft jeweils nur eine Vorlesung pro Woche umfassen.

Dass ich im vergangenen Semester nur drei Klausuren schreiben musste, war tatsächlich sehr angenehm. Dadurch war ich ziemlich früh fertig. Und weil auf die vorlesungsfreie Zeit von Mathestudenten keine Praktika entfallen, genieße ich besonders lange "Semesterferien". Die Klausuren fallen mit 90 bis 150 Minuten auch nicht so lange aus, wie man aufgrund der umfangreichen Module vermuten würde. Man bedenke aber, dass die Dauer der Klausuren noch nichts über deren Anspruch und die tatsächliche Lernbelastung aussagt. Ebenso erwähnenswert ist die Tatsache, dass sämtliche Klausuren im Mathematikstudium benotet werden. Es geht nie nur um Bestehen oder Durchfallen.

Während die obigen Zeilen klarstellen sollen, dass mein erstes Semester nicht so entspannt ausfiel, wie oft vermutet wurde, wenn ich von nur drei Modulen bzw. Klausuren und sechs Wochen arbeitsfreier Zeit berichtete, liegt mir auch daran, Studieninteressierten und Fachfremden ein vollständiges und realistisches Bild vom Mathematikstudium zu vermitteln.

Das Studium der Mathematik ist nicht strukturell anspruchsvoll aufgebaut. Der Anspruch im Mathematikstudium beruht also alleine auf der fachlichen Dimension, nicht auf der Masse der Veranstaltungen und Klausuren wie in Jura, Medizin, Wirtschaftswissenschaften oder ähnlich angelegten Studiengängen.

Traurigerweise wird in der Schule ein Bild von Mathematik entworfen, dass sie als pure Hilfswissenschaft darstellt. Diese Verzerrung hat nicht nur ideologische Folgen in der Sicht auf die Mathematik. Tatsächlich ergeben sich auch inhaltliche Fehleinschätzungen. Was es nicht nur ideologisch, sondern auch thematisch für die Mathematik bedeutet, dass sie eine Strukturwissenschaft und keine bloße Hilfswissenschaft ist, vermittelt Pierre Basieux unterhaltsam, aber immer anspruchsvoll und vor allem korrekt in seinem Buch Die Architektur der Mathematik auf nicht ganz 200 Seiten.

Diese thematische Einsicht erhalten in der Regel bestenfalls Physikstudenten und selbst die nur unvollständig und in aller Kürze. Tatsächlich handelt es sich bei der Mathematik, die in Medizin, Psychologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaften, aber auch Informatik und Chemie behandelt wird, um nicht viel mehr als eine Fortsetzung der Schulmathematik. Das ist natürlich ganz zweckmäßig - die falsche Vorstellung davon, womit sich Mathematiker beschäftigen, wird dadurch aber leider nur vertieft.

Übrigens sind meine "Semesterferien" nicht völlig arbeitsfrei: Schon vorm ersten Semester musste ich die Programmiersprache C lernen, in der wir in Algorithmischer Mathematik programmieren mussten. Analog sind Kenntnisse in der Bedienung und Programmierung von Mathematica Voraussetzung fürs zweite Semester. Das scheint in diesem Ausmaße aber eine Bonner Eigenheit zu sein. Darüber hinaus muss ich einen Vortrag für das Pflichtseminar im kommenden Sommersemester vorbereiten.

Insgesamt ist mein vorläufiges Fazit also, dass das erste Semester des Mathematikstudiums mit nur drei Modulen eine angenehme Übersichtlichkeit aufweist, die ich gar nicht leugnen will. Andererseits bilden die behandelten Themen aber einen höchst anspruchsvollen Kanon, an dem sicherlich jeder Studienanfänger nicht erst in den abschließenden Klausuren zu beißen hat. Studieninteressierte sollten sich dennoch keine Sorgen um den Schwierigkeitsgrad an sich machen. Ich würde jedem das oben angeführte Buch von Basieux ans Herz legen. Wen die darin beschriebenen Konzepte überzeugen und begeistern, hat sicherlich eine realistische Chance, das Mathematikstudium zwar bestimmt nicht mit Leichtigkeit, aber doch mit viel Spaß und Inspiration zu meistern.

Kommentare

Annie 25. März 2012, 18:09 Uhr

Ein schöner Einblick ins Bonner Mathestudium! Nachfolgende "Erstis" danken =)

Moritz 2. März 2011, 21:11 Uhr

schöner Artikel. Jetzt will ich auch Mathe studieren!
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