tovotu

23. August 2010, 12:46 Uhr
Das InterRail-Ticket: Über vermeintliche Spontaneität, versteckte Preise und sonstige Fallstricke

Vom legendären Eurotrip [1], bei dem alle bekannten, großen und schönen Städte Europas in einer großen Reise abgeklappert werden, träumen nicht nur Nicht-Europäer: Es handelt sich dabei um eine beliebte Beschäftigung für die Zeit zwischen Abitur und Studium oder für die vorlesungsfreie Sommerzeit.
Zu Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen und billigen Youth Hostels stellt man sich das auch gar nicht mehr teuer vor: Mit einem großen Rucksack bepackt und einem Europa-Zugticket, dem so genannten InterRail-Ticket, ausgestattet könne selbst ein mittelloser Student auf große Reise gehen.
Welche falschen Vorurteilen sich in dieser Vorstellung verstecken und wie man sich so einen InterRail-Trip am ehesten vorstellen kann, versuche ich im Folgenden zu erläutern.

Auf der Seite der Deutschen Bahn [2] können die InterRail-Tarife für deutsche Bundesbürger ziemlich übersichtlich eingesehen werden. Hier entsteht aber schon die erste Illusion: Weil die DB auf ihrer Webseite viel zu wenige weiterführende Informationen anbietet, entgehen dem interessierten InterRail-Käufer alle weiteren entstehenden Kosten und eine ausführliche Liste der teilnehmenden Bahngesellschaften.
Wer dazu nähere Informationen einholen möchte, schaut am besten auf dem internationalen und offiziellen Informationsportal [3] des "InterRail Europe Train Pass" nach. Unter "Planning" kann man dort eine übersichtliche Karte Europas mit den relevanten Zugverbindungen herunterladen. Außerdem gibt es dort Informationen, welche Züge vorab reserviert werden müssen und welche zusätzlichen Kosten dabei anfallen.
Im Einzelfall kann auf der Webseite der Österreichischen Bundesbahn [4] angezeigt werden, ob eine ganz bestimmte Zugverbindung reservierungspflichtig ist oder nicht. Verlässliche Informationen darüber, welche Gebühren anfallen werden, erhält man aber fast ausschließlich am Bahnschalter!

Zu den Reservierungsgebühren, die für Inhaber des InterRail-Tickets anfallen, seien einige Anmerkungen gemacht: Reservierungspflichtige Züge gibt es in fast jedem Land (außer z.B. der Schweiz) und Gebühren für eine Zugfahrt können in Höhe von 4 bis 85 Euro in der zweiten Klasse anfallen. Deutlich über 20 Euro werden allerdings nur in Ausnahmefällen wie dem EuroStar, der unter dem Ärmelkanal durchfährt, verlangt. Die Benutzung von Nachtzügen fällt bisweilen noch teurer aus: Die Preise für Nachtzüge unterscheiden sich stark (nicht nur abhängig vom gewählten Abteil und Komfort). Ein einfacher Sitzplatz kann für ca. 8 Euro zu haben sein, ein Liegeplatz im 6er-Abteil kostet 25 bis 50 Euro und für 4er-Abteile und besser fallen entsprechend Preise bis über 100 Euro an.
Im Einzelfall kann man nur sicher über die anfallenden Kosten sein, wenn man am Bahnhof direkt nachfragt. Nur dort können die nötigen Reservierungen schließlich getätigt werden!
Bei alldem ist auch zu beachten, dass ein InterRail-Ticket nie im Heimatland des Inhabers gültig ist. Das hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass die erste Zugfahrt, mit der man sein Heimatland verlässt, sowie die entsprechende Rückfahrt bezahlt werden müssen. Die Interrailer erhalten aber auf diese Fahrten immerhin gewisse Vergünstigungen, die am Bahnschalter erfragt werden können.

Vielen schwebt mit dem Erwerb des InterRail-Tickets auch die große Flexibilität und Spontaneität vor, die mit einem solchen Allround-Tickets einherzugehen scheint. Wer aber nicht rechtzeitig plant und in den meisten Fällen auch verbindliche Buchungen vornimmt, wird keinen Spaß mit seinem InterRail-Ticket haben.

Die oben genannten Zugreservierungen sollten schon Tage oder Wochen vor der Fahrt getätigt werden. Zum einen sind Züge auf viel befahrenen Strecken tatsächlich bisweilen Tage vorher ausgebucht. Zum anderen ist zusätzlich das Fahrkarten-Kontingent für InterRail-Benutzer begrenzt. Man muss außerdem leider sagen, dass man selbst an Bahnschaltern oft falsche Informationen über die Verfügbarkeit bestimmter Plätze bekommt. Für mehrere Schnellzüge und zwei Nachtzüge, die wir in Genf nicht buchen konnten - sie waren angeblich ausgebucht -, konnten wir in Marseille problemlos Plätze reservieren.
Bei der Reservierung von Zügen ergeben sich noch weitere Probleme: Wer in der Schweiz ausländische Züge buchen will, muss damit rechnen, 5 Franken (etwa 3,50 Euro) Aufschlag zu bezahlen. Einen solchen Aufschlag verrechnete man weder in Frankreich noch in Spanien. In Portugal wiederum war es überhaupt nicht möglich, ausländische Züge zu reservieren. Wenn man Portugal also mit einem bestimmten Zug verlässt, muss man eventuelle Anschlusszüge kurzfristig am Umsteigebahnhof buchen, wenn man das nicht schon vor der Einreise nach Portugal erledigt hat. Ähnliche Probleme könnten sich in anderen Ländern ergeben - eine frühzeitige Planung und Buchung kann dem Interrailer diese Strapazen ersparen.

Die Unterkunft bei einem solchen EuroTrip ist übrigens nicht so einfach gefunden, wie man sich das bisweilen vorstellt.
Zelten ist durchaus nicht die einfachste und billigste Variante. Auch hier fallen Zeltplatzgebühren an und abgesehen von dem geringen Komfort, den man beim Zelten im Allgemeinen erfährt, dürfte es mühsam sein, ständig ein Zelt (zzgl. Isomatte und Schlafsack) mit sich herumzutragen, das man bei häufigem Ortswechsel abends auf- und morgens wieder abbauen und bei Regen notgedrungen nass wieder in die Schutzhülle stopfen muss. Zeltplätze sind gerade in großen Städten eher ungünstig gelegen, sodass weitere Kosten für den Transfer in die Innenstadt anfallen können.
Auch in Hostels kommt man nur günstig unter, wenn man frühzeitig bucht. Man sollte sich wirklich ersparen, ohne Buchung in eine bestimmte Stadt zu kommen, um dann zu erfahren, dass gerade eine besondere Veranstaltung einen Besucheransturm provoziert, sodass alle günstigen Übernachtungsmöglichkeiten bereits ausgebucht sind.
Buchungen nimmt man am besten bei großen Webseiten wie Hostelworld [5] vor, wo man gute Möglichkeiten hat, Preise zu vergleichen, Verfügbarkeiten zu überblicken und Erfahrungsberichte zu lesen.

Auch bei günstigen Hostels kann man im Sommer mit durchschnittlichen Kosten von knapp unter 20 Euro pro Nacht - zumeist ohne Frühstück - rechnen. Über den Tag kommt man wohl nicht mit weniger als 10 Euro aus, man sollte eher mit 15 Euro oder mehr rechnen. Pro Zug fallen durchschnittlich 5 Euro Reservierungsgebühren an. Die genannten Kosten können sich stark vermehren, wenn man in teuren Ländern wie der Schweiz oder Schweden unterwegs ist, viele Museen besucht, in Restaurants speist, viele Nachtzüge und internationale Fernzüge verwendet oder Taxi-, Metro-, Tram- und Busfahrten reichlich in Anspruch nimmt.

Außerdem sollte man sich keinen Illusionen hingeben, wie viele unterschiedliche Orte man in einer bestimmten Zeit besuchen kann. Wer beispielsweise alle großen Hauptstädte Europas auf seinem InterRail-Trip besuchen will, sollte extrem lange Zugfahrten und eine Gesamtreisedauer von mindestens einem Monat einplanen, in der man nur höchstens eine Übernachtung in jeder Stadt erlebt.
Ein Dilemma bleibt: Wer nicht viel Zug fährt und sich lange an einem Ort aufhält, für den rentiert sich das InterRail-Ticket womöglich preislich nicht. Wer die Möglichkeiten des InterRail-Tickets ausnutzen will, muss mit langen Zugfahrten und wenig Zeit an jedem einzelnen Ort rechnen. Auf meinem vergangenen InterRail-Trip habe ich beispielsweise fast jeden Tag mindestens einen Zug benutzt und kam so insgesamt auf Zugkosten von unter 400 Euro in 15 Tagen. Ohne InterRail-Ticket wären Kosten von mindestens 700 Euro angefallen. Ich halte es kaum für möglich, mehr als 4 Länder in 15 Tagen zu besuchen, wenn man nicht unvernünftig lange Zugfahrten in Kauf nimmt.
Die Gesamtkosten für die 15tägige Reise beliefen sich auf etwa 1000 Euro und ich halte das für einen ziemlich niedrigen Wert. Ob man sich als Student also eben mal einen solchen Trip leisten kann, ist fraglich.

Als Fazit bleibt also zu sagen: Ein InterRail-Trip kann nur schwerlich ein richtiger Eurotrip werden, schon gar nicht ein günstiger. Hoffnung auf besondere Spontaneität sollte man sich nicht machen, sondern im Vornherein so viel wie möglich buchen und reservieren. Und zuletzt sollte man nicht blind davon ausgehen, dass sich das InterRail-Ticket in jedem Fall preislich lohnt. Für Frühbucher gibt es nicht nur in Deutschland ziemlich günstige Zugfahrten und daher sollte nicht nur, wer lieber eine Hand voll Städte besichtigen will und dort jeweils mindestens 3 Tage bleiben möchte, unbedingt die Rentabilität des InterRail-Tickets ausführlich prüfen.

  1. tovotu.de/blog/27-E...--Humor-der-Klischees
  2. bahn.de/p/view/ange...nterrail/preise.shtml
  3. interrailnet.com
  4. oebb.at
  5. hostelworld.com

Kommentare

Mike Austria 24. Januar 2017, 16:16 Uhr

Sollte natürlich 800€ heißen!

Mike Austria 24. Januar 2017, 16:16 Uhr

...sollte natürlich 800€ heißen!

Mike Austria 24. Januar 2017, 16:14 Uhr

Bin durch Zufall, auf den Artikel gestoßen, da ich gerade meine nächste Reise plane. Es ist bereits mein 3. Interrailtrip. Der Bericht ist gut und richtig. Ich organisiere mittlerweile meine Europareisen mittels Excel Dokument, wo Bahnfahrt, Hotel, Sehenswürdigkeit im Vorfeld reserviert werden 😉 nur wer viiieeel Zeit und nochmehr Geduld hat, kann sich der Illusion vom spontanen freien reisen hingeben. Noch zur Info, wer halbwegs "gut" reist, wohnt und lebt kann alles in allem mit ca. 8000€ pro Woche rechnen (ink. Souveniers und Eintrittgelder)...

M 5. September 2010, 11:24 Uhr

finde Sie auch genial!

rotartsinimda 3. September 2010, 23:09 Uhr

das auge liest eben mit 😉
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