tovotu

28. Oktober 2010, 18:10 Uhr
Das Problem mit dem stimmhaften alveolaren Plosiv

Wer sich schon immer gefragt hat, warum man beim partiellen Ableiten nicht das normale "d", sondern so ein komisches griechisches δ (delta) verwendet, dem kann ich jetzt sagen: Er hat sich einfach die falsche Frage gestellt. Was da verwendet wird, ist zwar auch ein "De", also ein stimmhafter alveolarer Plosiv, wie die Linguisten so schön sagen, aber das Zeichen stammt aus der kyrillischen Schrift.

So machen das die Physiker und Mathematiker also: Wenn sie gerne einen bestimmten Buchstaben für eine Variable setzen würden, dieser aber schon vergeben ist, nehmen sie einfach das phonetische Äquivalent aus einer anderen Schrift.

Tolle Idee, in diesem Fall hatte man aber das Problem, dass die kyrillische Schrift keiner kennt. Hätte man also das "wirkliche" kyrillische д ("De") genommen, hätte es sich nicht durchgesetzt. Stattdessen nahm man dann den so genannten kursiven Schnitt dieses Zeichen, das dann im Grunde so aussieht wie ein griechisches Delta, aber keines ist: .

Noch ein "De" haben wir anscheinend beim so genannten Gradienten. Wie wir eben schon gemerkt haben, gibt es in der Mathematik wohl offenbar einen großen Bedarf an diesen "De"s. Als man also aus irgendwelchen Gründen auch den Gradienten wieder mit so einem "De" bezeichnen wollte, fehlten die Schriftzeichen und man war gezwungen, sich etwas neues auszudenken. Weil Mathematiker im Allgemeinen souveränen Umgang mit Problemen jeglicher Art vorweisen, war die Lösung schnell gefunden: Man nahm einfach das große Griechische Delta und drehte es um:

Irgendjemand hat dann auch gemerkt, dass es langsam ein bisschen konfus wird, wenn man über diese Dinge sprechen will. Denn eine Formel, in der einige Versionen dieses "De"s vorkommt, ist mündlich praktisch nicht mehr übermittelbar. Der neue Operator für den Gradienten sollte also einen neuen Namen bekommen und tatsächlich kam man nach einiger Meditation über dieses Symbol zu dem Schluss, es sähe doch eigentlich einer Harfe recht ähnlich (Fantasie haben diese Mathematiker ja schon...). Und weil "Harfe" in einer modernen Sprache nicht international und wissenschaftlich genug wäre, übersetzte man es einfach ins Griechische: Nabla. Günstigerweise klingt das Wort im Lateinischen und Hebräischen auch noch sehr ähnlich.

Um den Artikel ein bisschen abzurunden, gibt es jetzt noch ein paar an den Alveolaren gebildete, stimmhafte Plosive. Viel Spaß damit!

d,δ,د‎,D,ד,д,Δ,Д

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