tovotu

7. April 2015, 17:43 Uhr
Über ein Cicero-Zitat, das keines ist

Als ich heute die Kommentare zu einem Eintrag des FAZ-Blogs "Deus Ex Machina" überflog, sprang mir eine Erwähnung des römischen Redners, Philosophen und Staatsmanns M. Tullius Cicero ins Auge. Was mir bisher aus Ciceros Feder bekannt war, hatte meistens einen überwiegend besonnenen und diplomatischen Eindruck auf mich gemacht.[1] Umso befremdlicher war es, ihn in diesem Kommentar mit den folgenden Worten zitiert zu sehen:

»Wäre die Zivilisation in den Händen der Frauen geblieben, wir hausten noch immer in Berghöhlen, und menschliche Erfindungen hätten mit der Zähmung des Feuers ihr Ende genommen. Darüber hinaus, dass eine Höhle ihnen Schutz biete, verlangen sie von ihr nur, dass sie um einen Grad protziger sei als die der Nachbarsfrau.« - Auszug aus dem 31. Kapitel von Thornton Wilders Roman Die Iden des März.

Hier füge ich dem Zitat direkt seine korrekte (!) Quellenangabe hinzu, damit kein Zweifel über die eigentliche Herkunft und Urheberschaft aufkommt. Dieser Text ist uns unter dem Namen Ciceros nicht überliefert, sondern er entstammt einem literarischen Werk und wurde von dessen Autor Thornton Wilder einem fiktiven Cicero in den Mund (bzw. in die Feder) gelegt. Dass Wilder das gesamte Textmaterial für seinen Roman (bis auf ein Sueton-Zitat und ein Catull-Gedicht) zusammen mit dessen historischem Hintergrund erfunden hat, steht nicht nur überall in der Sekundärliteratur, sondern insbesondere auch auf dem Klappentext der S. Fischer-Ausgabe. Außerdem wird der Autor selbst schon in der ZEIT-Rezension des Romans im Mai 1949 mit den Worten zitiert: "Man könnte es vielleicht eine Phantasie über gewisse Ereignisse und Personen aus den letzten Tagen der Römischen Republik nennen."

Eine Internet-Recherche nach Auszügen dieses Textfragments bringt unzählige falsche Zitierungen in Kommentaren und Blog-Einträgen unter dem Namen Ciceros hervor. Glücklicherweise überwiegen unseriöse Webseiten mit Bezug zu Verschwörungstheorien, Rechtspopulisten und anderen Spinnern. Aber schlimm genug, dass überhaupt jemand irgendwann einmal als Erster auf die Idee kam, den Wilder-Roman als historische Quelle zu benutzen. Ich kann nur hoffen, dass dieser Artikel einen Beitrag zur Aufklärung des Missgriffs liefern wird.

Zum Ausgleich hier ein echtes antikes Zitat:

»Den Augenblick, so wie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Obern sein.« (Übersetzung von Konrad Heusinger, original: »extemplo simul pares esse coeperint, superiores erunt.«) - angeblich aus einer Rede des M. Porcius Cato, zitiert durch Titus Livius in De Urbe Condita 34,3.

Diesmal ist das Zitat zwar wirklich antik, aber Vorsicht bei der Interpretation ist dennoch geboten. Zum einen wird die Echtheit der Cato-Rede angezweifelt. Zum anderen ist der Kontext höchst kurios: Livius schreibt, es ginge bei dieser Rede um die Aufhebung des sogenannten Oppischen Gesetzes. Cato verteidigt das Gesetz, das die Rechte von Frauen (hinsichtlich Vermögen, Bekleidung in der Öffentlichkeit, Nutzung von Fortbewegungsmitteln) stark einschränkt. Die Debatte habe laut Livius die Straßen Roms entgegen aller Sitten mit protestierenden Frauen gefüllt.[2] Zuletzt konnte Cato sich nicht durchsetzen und zum Glück aller Frauen wurde das Oppische Gesetz tatsächlich aufgehoben.

  1. tovotu.de/blog/527-...ber-Diskussionskultur
  2. »matronae nulla nec auctoritate nec uerecundia nec imperio uirorum contineri limine poterant.« De Urbe Cond. 34,1.

Kommentare

Phaeake 9. April 2015, 23:08 Uhr

Das Zitat ist wirklich eine grottenschlechte Cicero-Imitation. Ganz abgesehen von der plumpen Misogynie ist das "Zitat" auch deshalb eine Unverschämtheit gegenüber Cicero, weil es sich selbst widerlegt: Wenn alle Menschen darauf achten, dass ihre Höhle ein bisschen prächtiger ist, als die der Nachbarn, baut die Menschheit bald die großartigsten und kultiviertesten Schlösser.
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