tovotu

16. Februar 2010
Arzt ohne Abitur - Utopie ohne Zukunft?

In der Technology Review vom Februar 2010 erschien in der Reihe "Technische Bildung" der Artikel "Der dritte Weg" [1], in dem es um die seit 2009 deutschlandweite Bildungsrichtlinie geht, nach der die allgemeine Hochschulreife nicht mehr nur Abiturienten eines allgemeinbildenden Gymnasiums vorbehalten ist, sondern auch gelernten Meistern aus allen handwerklichen Berufszweigen der Weg an die Universitäten Deutschlands offen steht.

Obwohl die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits im März 2009 eine "bundesweit einheitliche Regelung" beschloss, kann der Meister und Techniker bis jetzt nur in wenigen Bundesländern an die Uni. Die übrigen Bundesländer werden aber wohl folgen.

Wer also schon immer eine handwerkliche oder technische Lehre machen wollte, weil ihn die Schule schon vor der Oberstufe langweilte, dem eröffnen sich hiermit ganz neue Karriere-Chancen. Bis jetzt war die Karriere-Leiter für die meisten Handwerker ziemlich schnell erklommen. Nach dem Meistergrad blieb nicht viel Luft nach oben. Mit der neuen Möglichkeit, etwa ein vollwertiges Ingenieursstudium anzuhängen, das übrigens auch - wie in dem TR-Artikel ausführlich beschrieben - neben dem Beruf absolviert werden kann, öffnen sich natürlich ganz neue Türen.

Wer sich näher informieren will, dem lege ich den TR-Artikel ans Herz - das Heft 2010.02 kann online portokostenfrei bestellt werden [2]. Außerdem gibt es eine Info-Sammlung zum Thema auf dem Deutschen Bildungsserver [3]. Dort wird auch gelistet, welche Bundesländer die Regelung der KMK bereits hinreichend umgesetzt haben.

Einen kuriosen Beigeschmack erhält die Geschichte, wenn man bedenkt, dass jetzt Zimmermänner Chirurgen und Schlosser Richter werden könnten. Allerdings darf man sich vom ungewöhnlichen Klang nicht irritieren lassen - denn die Studiengänge werden ja nicht leichter und so wird wohl kaum ein unzureichend befähigter Handwerker Jurist werden können. Sollte ein ehemaliger Schreiner tatsächlich verspätet Arzt werden, so kann ich dem nur positives abgewinnen, denn jeder, der genug Ehrgeiz und Talent mitbringt, um ein Medizin-Studium zu schaffen, ist ausreichend für diesen Job qualifiziert - egal ob mit oder ohne Abitur!

Lediglich die ohnehin bereits überfüllten Hörsäle könnten unter den hinzukommenden Studiumsanwerbern bersten. Aber diese Aussicht liegt wohl noch fern - denn es wird nicht wirklich mit einem so starken Interesse seitens der Meister und Techniker zu rechnen sein.

  1. heise.de/tr/artikel...ritte-Weg-910795.html
  2. heise.de/kiosk/einzelhefte/tr.shtml
  3. bildungsserver.de/zeigen.html?seite=3578

Kommentare

Chrischiii 22. Februar 2010

Wie auch schon angesprochen, es gibt diese KMK Vorgabe, doch wie man das jetzt genau umsetzt ist halt das Thema. Es ist doch klar, dass dadurch mehr Studienplätze geschaffen werden müssen, denn wie will man ansonsten einen Meister und einen Abiturienten miteinander bei der Zulassung vergleichen? Das ist schlichtweg nicht möglich, daher dürfen "beruflich Qualifizierte" und Abiturienten halt nicht um die gleichen "Plätze" kämpfen. Auch deshalb dauert es wahrscheinlich auch so lange, bis diese Vorgabe in den einzelnen Ländern auch umgesetzt wird. Eine Erläuterung der aktuellen Situation "Studieren ohne Abitur" findet man auch auf abi-nachholen.de/st...-ohne-abitur-neu.html
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